Erste Hilfe für ängstliche Hunde (Teil 2 von 3)

Ohne Training weitet Angst sich aus

Wie gravierend sich ein einzelnes Erlebnis auf den Hund auswirkt, ist auch typabhängig. Der eine Hund steckt die Situation locker weg, während der andere Hund daraus schließt, dass er zukünftig in dieser Situation immer Angst haben muss.

Ein großes Problem ist, dass sich Angst oft ausweitet, wenn man nicht mit einem systematischen Training dagegen angeht. Immer mehr Situationen sind dann mit Angst verknüpft. Dies geschieht meist durch Fehlverknüpfungen*. Wenn nicht an der ursprünglichen Angst des Hundes gearbeitet wird, können somit immer mehr Fehlverknüpfungen entstehen und der Hund reagiert nun auch in Situationen ängstlich, die er zuvor problemlos gemeistert hat. Daher ist es bei auftretenden Ängsten ratsam, nicht zu warten, ob die Angst von allein wieder weggeht, sondern dem Hund gleich zu vermitteln, dass er diese Situation meistern kann. Zudem lernt ein Hund, der sich in übermäßigem Stress befindet, nicht.

* Eine Fehlverknüpfung ist das Zusammenbringen von zwei Situationen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben: ein Hund hat Angst vor Knallgeräuschen – gerade als ein Knall ertönt, kommt ein kleines Mädchen um die Hausecke. Von nun an hat der Hund auch Angst vor kleinen Mädchen.

Ohne Angst lernt es sich besser

Für ein optimales Lernergebnis ist eine entspannte oder leicht stressende Situation perfekt. Studien haben gezeigt, dass leichter, positiver Stress – sogenannter Eustress – für das Lernen sogar nützlich sein kann.

Welche Lösungsstrategien hat der Hund?

Lösungsstrategien braucht der Hund immer, wenn er sich in einem Konflikt befindet. Ein Konflikt entsteht meist dadurch, dass der Hund nicht vor und nicht zurück weiß – also unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen, die sich gegenseitig ausschließen. Beispielsweise bleibt Dein Hund auf der Straße stehen, da in einiger Entfernung vor euch ein gruseliger Gegenstand ist. Du versuchst Deinen Hund möglichst schnell zum Weitergehen zu bewegen, da es mitten auf der Straße zu gefährlich ist. So ist Dein Hund im Konflikt: Du möchtest, dass er weitergeht und er kann durch die Leine nicht zurück, er möchte aber auch nicht weiter nach vorn gehen, weil ihn dort etwas Angsteinflößendes erwartet.

Lösungsstrategien: Die 4 F

Auf Konflikte können Lebewesen mit den 4 F reagieren:

  • fight (Angriff: der Hund geht nach vorn und versucht die Situation durch Aggression zu lösen)
  • flight (Flucht: der Hund versucht möglichst viel Abstand zwischen sich und den Angstauslöser zu bringen)
  • flirt (Übersprungshandlung: der Hund zeigt plötzlich unsinnig erscheinende Reaktionen: kratzt sich, obwohl es ihn gar nicht juckt oder schnuppert am Gras und scheint sich mit dem Angstauslöser gar nicht zu beschäftigen)
  • freeze (Erstarren: der Hund „friert ein“ und ist handlungsunfähig)

Wie kann ich meinem ängstlichen Hund schnell helfen?

Bei allen ängstlichen Hunden ist das wichtigste Hilfsmittel erst einmal die Leine, da sie in ängstigenden Situationen meist nicht abrufbar sind. Anfangs bietet sich eine eher kurze Leine an. Gerade Hunde, die in vermeintlichen Gefahrensituationen plötzlich lossprinten sind mit einer langen Schleppleine kaum zu halten. Ein zusätzlicher Vorteil der Leine ist, dass Du den Hund immer in Deiner Nähe hast, kontrolliert handeln kannst und ihm in angstbesetzten Situationen schneller hilfst.

Eine Sache liegt mir aus leidvoller eigener Erfahrung sehr am Herzen: Bitte benutze keine Flexileine!! Der Kasten ist oft etwas unhandlich und rutscht beim abrupten Losrennen des Hundes schnell mal aus der Hand. Dann zieht der sowieso schon verängstigte Hund den laut klappernden Kasten der Flexi hinter sich her und rennt noch schneller und weiter, um diesem Klappergeräusch zu entkommen. Hier endet die Flucht meist erst, wenn der Hund sich irgendwo mit der Leine verheddert hat.

Auf der Flucht

Bei Hunden, die zu der Lösungsstrategie „Flucht“ neigen, ist es wichtig, sie gut zu sichern. Das funktioniert am besten über ein Sicherheitsgeschirr, das neben dem Gurt am Hals und am Bauch noch einen dritten Steg hat, der am hinteren Rippenbogen sitzt. Zusätzlich zum Sicherheitsgeschirr (oder stattdessen) bietet sich eine „doppelte Sicherung“ an. Hierbei wird ein Karabiner der Leine ins Geschirr geklickt und der Karabiner am anderen Ende der Leine ins Halsband. Bitte achte darauf, dass das Halsband so eng geschnallt ist, dass Du zwar noch locker 2 Finger darunter schieben kannst, der Hund es sich aber nicht über den Kopf streifen kann. Das ist bei Rassen mit schmalem Schädel manchmal gar nicht so einfach. Ansonsten eignen sich zur doppelten Sicherung auch Zugstopphalsbänder, die sich bei Zug an der Leine zuziehen – allerdings nur so weit, dass sie nicht würgen, der Hund es sich aber im geschlossenen Zustand nicht über den Kopf abziehen kann.

Voll auf Angriff

Für Hunde, die die Lösungsstrategie „Angriff“ bevorzugen, ist ein gut sitzender und auftrainierter Maulkorb wichtig, denn die Sicherheit der Mitmenschen geht immer vor.

Ausblick

Im nächsten (und gleichzeitig letzten) Teil dieser Artikelserie gehen wir der Frage nach wie Du Deinem Hund im Alltag helfen kannst.

Erste Hilfe für ängstliche Hunde (Teil 1 von 3)

Was ist Angst überhaupt?

Angst ist eine Emotion und im angemessenen Maß erst einmal gesund. Sie warnt den Hund vor Gefahren und schützt ihn so vor Schaden. Ist die Angst deutlich übersteigert, wird es ungesund. Dies ist der Fall, wenn der Hund noch lange nach der ihn ängstigenden Situation im Gefühl der Angst bleibt. Hierbei ist der Hund meist deutlich in seiner Lebensqualität eingeschränkt.

Angst schützt vor Schaden – aber zu viel Angst ist schädlich

Im Gehirn des Hundes arbeiten das limbische System (das „Gefühlszentrum“) und die Großhirnrinde (der „rationale Teil“) immer im Austausch miteinander. Bei Angst oder starkem Stress wird dieser Austausch jedoch blockiert und das „Gefühlszentrum“ übernimmt. Damit der Hund nicht nur aus seiner Angst heraus agiert, ist es gut, ihn so weit wie möglich im „rationalen Teil“ des Gehirns zu halten. Dies erreichst Du z.B. durch ein „Sitz“ oder einem beliebigen anderen Signal, das Dein Hund schon sehr gut auch unter starker Ablenkung beherrscht.

Dieser Text ist für Dich gedacht, wenn Du Hilfestellung und unterstützende Maßnahmen im Umgang und Training mit Deinem ängstlichen oder unsicheren Hund suchst.

Hilfe für Deinen Ängstlichen oder unsicheren Hund

Was diese Artikelserie nicht bieten kann, ist eine umfassende Trainingsanleitung wie die Angst Deines Hundes „wegtrainiert“ wird. Dafür sind die einzelnen Mensch-Hund-Teams, die Gegebenheiten und der Ursprung der Ängstlichkeit Deines Hundes viel zu individuell. Ein Training gegen Ängstlichkeit und Unsicherheit sollte also immer passgenau auf Dich und Deinen Hund zugeschnitten sein. Diese Artikelserie unterstützt Dich dabei zu verstehen was Angst überhaupt ist, wie sie entstehen kann, welche unterstützenden Hilfsmittel es gibt und zeigt Dir Maßnahmen, mit denen Du Deinem Hund helfen kannst.

Selbstverständlich lassen sich die Begriffe Angst und Furcht fachlich korrekt voneinander unterscheiden. Aus Gründen der Verständlichkeit bleibe ich in diesem Text beim umgangssprachlichen Begriff Angst.

Ich wünsche Dir viel Spaß beim Lesen und viel Erfolg mit Deinem (noch) ängstlichen oder unsicheren Hund!

Wie kann ich testen wie ängstlich mein Hund ist?

Wie stark die Angst Deines Hundes in den unterschiedlichen Situationen ausgeprägt ist, findest Du am besten heraus, indem Du lernst, seine Körpersprache und kleinen Signale zu „lesen“. Ein kleiner, ganz einfacher Test ist, ob Dein Hund noch Futter annehmen kann (das funktioniert natürlich nur für Hunde, die in der Entspannung gern Leckerchen nehmen). Verschmäht Dein Hund selbst sein liebstes Futter, um das er sich sonst reißt, ist der Stresspegel hoch und Dein Hund befindet sich in einem Bereich, in dem er nicht mehr lernen kann und sich schlecht fühlt.

Akute Stresssignale

  • Schuppenbildung
  • über die Lippen lecken
  • geweitete / aufgerissene Augen (so dass das Weiße sichtbar ist)
  • angelegte, nach hinten gezogene Ohren
  • (bis unter den Bauch) eingezogene Rute
  • Bellen / Winseln / Schreien
  • Zittern
  • sich kratzen
  • starkes Hecheln

Dauerhafte Stresssignale

  • Appetitlosigkeit
  • Durchfall /Erbrechen
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Nervosität / Ruhelosigkeit
  • extremes Benagen / Beknabbern (z.B. der Pfoten) bis hin zur Selbstverletzung

Beide Listen lassen sich natürlich noch stark erweitern. All diese Zeichen sollten immer im Gesamtbild betrachtet werden und auch die komplette Körpersprache des Hundes mit einbezogen werden (also nicht nur die Augen oder Ohren isoliert betrachten). Je nach Rasse sind selbst in der Entspannung die Ohren nach hinten gezogen und die Rute tiefer getragen (wie z.B. bei Windhunden). Es kommt also immer auf die gesamte Körpersprache im Vergleich zum entspannten Zustand an.

Wieso sind Hunde überhaupt ängstlich?

Ein Hund kann aus unterschiedlichen Gründen ängstlich reagieren, zum Beispiel weil er

  • schlechte Erfahrungen mit einer bestimmten Situation oder mit Menschen generell gemacht hat
  • gesteigerte Ängstlichkeit schon vor der Geburt mitbekommen hat (genetisch oder durch erhöhten Stress der trächtigen Hündin)
  • zu wenig oder keine Erfahrung mit bestimmtenSituationen / Menschen / Gegenständen machen konnte
  • durch Fehlverknüpfungen gelernt hat sich vor etwas zu fürchten

Im nächsten Teil dieser Artikelserie geht es um folgende Themen:

  • Warum Angst sich ohne Training noch mehr ausbreiten kann
  • Welche Lösungsstrategien hat der Hund?
  • Wie kann ich meinem Hund schnell helfen?

Bild: Pixabay

Erste Hilfe für ängstliche Hunde (Teil 3 von 3)

Was hilft uns im Alltag?

Wenn Dein Hund dauergestresst ist, hilft oft eine allgemeine Reduzierung des Grundstresses. Das erreichst Du z.B. indem Du mit Deinem Hund lieber nur kurz rausgehst und erst einmal stressauslösende Situationen vermeidest. Für einige Hunde (z.B. solche, die nur leicht gestresst sind) kann dies allerdings genau der falsche Weg sein und Dein Hund lernt nicht, sich mit den angstauslösenden Szenarien auseinanderzusetzen und diese zu überwinden. Daher müssen diese Situationen natürlich später gezielt angegangen und trainiert werden – selbst wenn das Meiden solcher Situationen für euch eine gute Anfangsstrategie ist, um erst einmal „einen Fuß in die Tür“ zu bekommen. Denn um die Angst zu lösen, muss man sich letztendlich der jeweiligen Situation stellen – ein dauerhaftes "Umschiffen" der Gefahr wird nie dazu führen, dass diese Situation nicht mehr als gefährlich angesehen wird.

Mein Mensch gibt mir Sicherheit

Eine weitere große Hilfe im Alltag ist es, wenn Dein Hund Dich als „Sicherheitspunkt“ versteht. Dass er also weiß, dass er bei Angst immer zu Dir kommen kann und Du ihm hilfst. Ziel ist, dass Dein Hund beim Fluchtimpuls zu Dir läuft anstatt wegzurennen. Der erste Schritt hierzu führt über klare Regeln.

Denn wenn Dein Hund genau weiß, was er darf und was nicht, hat er einen klaren Rahmen, in dem er sich bewegen darf – die Regeln bilden also eine Art orientierenden Fahrplan für euer gemeinsames Leben. Somit helfen eindeutige Regeln dabei Deinem Hund Sicherheit zu geben. Nur wenn Dein Hund das Gefühl hat, dass Du gut für ihn sorgen kannst und ihn souverän durch angsteinflößende Situationen bringen kannst, wird er sich in Gefahrensituationen an Dich wenden.

Klare Regeln und Rituale für mehr Sicherheit

Rituale sind ein weiterer Baustein, der ängstlichen Hunden eine gute Unterstützung bietet. Wenn der Tagesablauf immer ähnlich ist oder Du Deinem Hund bestimmte Situationen gut ankündigst, weiß er bereits was gleich kommt. Diese Vorhersagbarkeit vermittelt Sicherheit – sowohl für Dich als auch für Deinen Hund.

Zusätzlich ist für alle Hunde ein Ort der Ruhe wichtig – ein Ort an dem sie nicht gestört werden und an den sie sich zurückziehen können.

Gibt es wirksame Hilfsmittel?

Bei Hunden, die ihre ersten Lebenswochen mit ihrer Mutter als angenehm empfunden haben, wirkt Adaptil entspannend. Adaptil gibt es in unterschiedlichen Formen – ich nutze am liebsten das Spray. Das Spray enthält einen chemisch nachgebauten Duftstoff (Pheromon), das die Mutterhündin beim Säugen ihrer Welpen abgibt. Dieser Geruch kann auch dem erwachsenen Hund helfen, sich wohl und geborgen zu fühlen (sofern er bei der Mutterhündin keine schlechten Erfahrungen gemacht hat). Am besten testest Du zuerst, ob Dein Hund den Geruch mit etwas Angenehmen verbindet, indem Du es auf ein Tuch sprühst (nicht direkt in sein Körbchen) und es an einen Ort legst, den Dein Hund auch freiwillig gern aufsucht. Wichtig ist, dass Du ihn nicht dorthin schickst, damit er nicht gezwungen ist bei dem Tuch zu bleiben, falls es Unbehagen bei ihm auslöst. Wenn Du bemerkst, dass Dein Hund sich gern zu dem Geruch legt und er ihm hilft zu entspannen, ist Adaptil ein tolles unterstützendes Mittel für euch.

Einigen Hunden helfen enge Körperbandagen. Die gibt es entweder fertig zu kaufen mit dem Namen Thundershirt oder Anxiety Wrap. Es ist auch möglich, eine Körperbandage mit einem Schal oder einer breiten, elastischen Bandage selbst zu machen. Der leichte Druck auf den Körper hilft den Hunden sich selbst besser zu spüren und vermittelt ihnen ein Gefühl von Geborgenheit. Ob das etwas für Deinen Hund ist, musst Du ausprobieren; denn manche Hunde mögen das Gefühl von Enge am Körper gar nicht gern und reagieren eher noch gestresster.

Natürlich gibt es noch viele weitere Hilfsmittel, die gut helfen können – von Zylkene über verschiedene Futterergänzungsmittel bis hin zu Psychopharmaka. Was in eurem Fall helfen kann und was nicht ist sehr individuell und sollte jeweils gut mit allen Vor- und Nachteilen abgewogen werden.

Was kann ich noch machen?

Die Ernährung des Hundes spielt ebenfalls eine Rolle. So gibt es bestimmte Inhaltsstoffe, die die Aufnahme von wichtigen Stoffen blockieren und auch die Qualität des Futters und seine Verwertbarkeit tragen natürlich zum Wohlbefinden des Hundes bei.

Auch Schmerzen beeinflussen – wie bei uns Menschen – das Wohlbefinden. Bei dauerhaften oder immer mal wieder plötzlich auftretenden Schmerzen, kann der Hund ängstlich oder aggressiv reagieren, auch wenn das sonst nicht seiner normalen Reaktion entspricht. Ein*e gute*r Hundetrainer*in wird also auch immer diesen Aspekt mit abfragen und sich für die Krankengeschichte Deines Hundes interessieren.

Wie geht's weiter?

Wie Du bestimmt gemerkt hast, ist die Behandlung von Angst und den damit verbundenen Symptomen ein sehr umfassendes Thema. In diesem Text findest Du hoffentlich schon ein paar wertvolle Hilfsmittel und Tipps, die euren Alltag erleichtern. Ein gezieltes Training mit ängstlichen und unsicheren Hunden ist immer sehr individuell – dafür lassen sich keine allgemeingültigen Trainingstipps geben. Denn was für den einen Hund genau richtig ist, kann bei dem nächsten Hund eher schädlich sein, da er überfordert wird und nicht mehr lernen kann oder weil er längst soweit ist und dem furchteinflößenden Reiz nicht genügend ausgesetzt wird, um seine Angst zu überwinden.

Falls Du Dir hierbei Unterstützung wünschst, bin ich gerne für Dich da!